Die Retter der Tafelrunde

Jeden Donnerstag, von 11:30 bis 14:00 Uhr bekämpfen sie das Unrecht, schützen die Armen, Witwen und Waisen, geben den Hungernden ihr Brot und teilen das wenige, das sie haben – die Retter der Tafelrunde.

Doch hier geht es nicht um König Artus und seine Ritter aus Camelot, sondern um Gerald und seine Retter aus Reinfeld, die ehrenamtlichen Recken der Reinfelder Tafel…

Deutschland ist ein reiches Land, Reinfeld eine wohlhabende Stadt zwischen den Hansestädten Hamburg und Lübeck. Wieso gibt es hier eigentlich eine Tafel, die kostenlos Lebensmittel an Bedürftige verteilt?

Menschen, die ihren Lebensunterhalt von Sozialhilfe, Hartz IV, Wohngeld, Asylbewerberleistungen oder zu geringer Rente bestreiten müssen, sind minimal versorgt. Es bleibt nichts über, um sich gelegentlich mal etwas gönnen zu können. Die Grundversorgung ist kaum ausreichend.

Vor neunzehn Jahren wurde die Reinfelder Tafel gegründet. Was war für den Gründer Lutz Dammin damals der Anlass?

Durch seine ehrenamtliche Tätigkeit in der evangelischen Kirchengemeinde hatte Lutz vermehrt Kontakt zu bedürftigen Mitbürgern und sah nach den erfolgreichen Tafelgründungen in jener Zeit, eine sinnvolle Chance für Reinfeld und Nordstormarn.

Ist die Reinfelder Tafel schon immer unter dem Dach der Kirche?

Ja, Träger der Tafel ist die Evangelisch lutherische Kirchengemeinde Reinfeld, unterstützt von den Kirchengemeinden Zarpen und Klein Wesenberg sowie der Stadt Reinfeld und dem Amt Nordstormarn.

Derzeit versorgt ihr 140 Haushalte mit 310 Personen.Wie verteilt sich die Zielgruppe und hattet ihr schon mal mehr zu tun?

Aktuell versorgen wir 35 Rentner, 160 Erwachsene und 110 Kinder.
Zwei Drittel unserer Kunden kommen aus Reinfeld, ein Drittel aus den Gemeinden des Amtes Nordstormarn.
Rund 60% sind Flüchtlinge, 40% Einheimische.
Anfang 2016 war der Höhepunkt an Kundenzahlen. Wir hatten rund 190 Haushalte mit etwa 380 Personen zu versorgen. Das logistisch zu bewerkstelligen, war nicht einfach.

Ihr seid etwa 60 ehrenamtliche Helfer. Welche Aufgaben habt ihr?

Wir haben mehrere Teams, die sich im Schichtwechsel um die Beschaffung, die Sortierung und die Ausgabe kümmern. Seit dem wir aus dem Keller des Kindergartens in unsere neuen Räume des ehemaligen Fahrradgeschäftes umgezogen sind und die Besorgungsfahrten nicht mehr mit Privat-PkWs, sondern mit unserem Kühltransporter erledigen können, ist die Arbeit zwar nicht weniger geworden, lässt sich aber viel besser organisieren und zum Wohle unserer Kunden durchführen.

Woher kommen die Lebensmittel?

Wir holen die Lebensmittel von Supermärkten, Discountern, Bäckereien, Einzel- und Großhändlern aus Reinfeld und Umgebung. Es handelt sich um Lebensmittel die nicht mehr verkauft werden können. Damit bewahren wir die wertvollen Lebensmittel davor, weggeworfen zu werden obwohl sie noch gut sind.

Von Restaurants und Kantinen können wir aber nichts annehmen, weil wir weder offene noch zubereitete Ware anbieten dürfen. Reste, die übriggeblieben sind, werden an einen Landwirt zum Kompostieren abgegeben.  Außerdem tauschen wir überschüssige Einzelmengen mit unseren Partnertafeln aus Oldesloe, Segeberg, Ahrensburg und Ratzeburg, mit denen wir eng zusammenarbeiten.

Und wer bezahlt das Ganze?

Anschaffungen wie das Kühlmobil oder der Kühlraum wurden durch Sponsoren, wie dem Bundesverband der Tafeln, der Lidl-Stiftung, der Sparkassenstiftung, der NDR-Stiftung und privaten Spendern finanziert. Miete und Nebenkosten, Betriebs-, Wartungs- und Instandsetzungskosten tragen die Kirchen, Kommunen und private Sponsoren.

Wenn ich als Kunde zu Euch komme, wie ist da ein typischer Ablauf?

Du meldest dich an, belegst mit einem Bescheid deine Bedürftigkeit und bezahlst monatlich 4 € Gebühr. Dann bekommst du eine Teilnehmernummer und kannst Donnerstags von 11:30 Uhr bis 13:00 Uhr in der Joachim-Mähl-Str. 1 Lebensmittel abholen.

Damit jeder mal die Chance hat als erstes auswählen zu dürfen, wechselt jede Woche die Teilnehmernummer, die zuerst aufgerufen wird. Man kann dann auch ungefähr planen, wann man nächste Woche zur Tafel kommt, um zu lange Wartezeiten zu vermeiden.

Berufstätige und Schüler können nach Anmeldung auch Dienstags von 16:30 Uhr bis 18:00 Uhr ihre gepackte Ware abholen. Versehrte Bürger werden nötigenfalls auch beliefert.

Kunden, die als Helfer bei uns aktiv sind, brauchen keine Gebühr zu entrichten und können eine halbe Stunde vorher aussuchen, was sie benötigen. Wir suchen übrigens noch fleißige Hände…

Ehrenamtliche Helfer/innen melden sich bei Gerald Witzmann
unter reinfeldertafel@googlemail.com
oder telefonisch unter 04533 – 79 28 12

Spendenkonto bei der Kirchengemeinde Reinfeld:
DE 19 2135 2240 0114 8795 31
Verwendungszweck: 2100.01.02200 Reinfelder Tafel

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Abenteuer Albanien

In Barnitz, Nordstormarn lebte einige Jahre eine Familie aus Albanien, die hier Asyl beantragt hatte. Da ihr Antrag abgelehnt wurde, musste diese Familie trotz hervorragender Integrationsleistung wieder in ihre Heimat zurückkehren. Wie es den Rückkehrern dort erging, habe ich im vergangenen Frühjahr in Erfahrung bringen können…

Der ganze Artikel ist auf „ROEPORTER“ zu lesen:
https://travefilm.wordpress.com/2017/05/01/wir-sind-dann-mal-weg/

Integration trotz Kopftuch?

Ein Interview mit Fatin Hamdoun, der syrischen Geschäftsführerin des
Cafe L’Arabica in Reinfeld zum Thema Migration in Norddeutschland.

Fatin Hamdoun, 1973 in Aleppo / Syrien geboren ist von ihrem zweiten bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr in Kuwait aufgewachsen. Seit 1989 lebt sie in Deutschland. Die Familie wurde während einer touristischen Deutschlandreise von den Kuwaitis ausgewiesen und beantragte daraufhin Asyl, da die Familie nicht nach Syrien zurückkehren konnte.

Nachdem die sechnzehnjährige Elftklässlerin aufgrund fehlender Sprachkenntnisse (damals gab es keine DAZ-Klassen) in einen 7. Jahrgang eingeschult wurde, absolvierte sie später eine Friseurlehre mit Abschluss und war in der Gastronomie tätig. Das Cafe L’Arabica ist ihr erstes Projekt als selbständige Unternehmerin.

Seit ihrem 23. Lebensjahr ist die Mutter dreier Kinder verheiratet und lebt in Lübeck. Als eloquente und selbstbewusste Geschäftsfrau sprach sie mit dem Reinfelder Boten über Tücken und Chancen der Integration, wenn eine muslimische Frau ihr Kopftuch in der Öffentlichkeit trägt.

Sid Fatin, danke dass Du unseren Leserinnen und Lesern einen Einblick in Deine Erfahrungen als Muslima in Norddeutschland gibst. Seit wann trägst Du Dein Kopftuch? Schon immer?

Nein, ich habe mich mit 29 Jahren dazu entschlossen, der Tradition meiner Religion zu folgen und ein Kopftuch in der Öffentlichkeit zu tragen. Das geschah aus innerer Überzeugung, ich hatte das Gefühl es sei jetzt einfach an der Zeit. Und um stigmatisierenden Vorurteilen vorzubeugen, ich werde nicht von meinem Mann dazu geszwungen ein Kopftuch zu tragen und ich kann mein freies Leben in dieser demokratischen Gesellschaft fortführen, wie ich will. Sonst hätte ich kaum ein Geschäft eröffnet.

Welche Erfahrungen hast Du bezüglich Deiner Integration als offensichtliche Muslima gemacht?

Wichtig ist, dass die Leute wissen: Ein Kopftuch kann ein Gehirn nicht am Arbeiten hindern. Es ist kein Indiz für eine schwache, dumme oder unterdrückte Frau. Und es ist egal, ob eine Frau ein Kopftuch trägt oder nicht. Entscheidend ist nicht, was auf dem Kopf ist, sondern was darinnen ist. Ein Mensch ist aufgrund seines Charakters gut oder schlecht, nicht aufgrund seiner Kleidung oder äußerer Merkmale.

Gab es besonders positive oder negative Reaktionen auf dich?

Ja. Die gab es durchaus. Ich wurde auch schon beleidigt, plump geduzt und aufgrund meiner araabischen Sprache angepöbelt. Je nach Situation habe ich die Provokateure ignoriert oder ihnen deutlich zu verstehen gegeben, dass ihr Benehmen nicht hinnehmbar sei. Ein unverschämter Mann wurde ganz kleinlaut, als ich ihm klar machte, dass er ja nicht einmal fünf Wörter in den Sprachen seiner bevorzugten Urlaubsziele versteht.

Aber meistens erlebe ich keine Anfeindungen, sondern ehrliches Interesse. Ich versuche den Menschen zu verdeutlichen, ich bin Muslima. Ich bin nicht der Islam. Es macht keinen Sinn, den Islam durch mich sehen zu wollen, ich bin nur eine von vielen. Und es ist doch Sache jeder einzelnen, was sie tut und was sie trägt. Oder nicht?

Integration und Religion. Welche Chancen und Vorteile siehst du im Tragen eines Kopftuches für dich?

Für viele Flüchtlingsfrauen ist durch die Prägung ihrer religiösen Traditionen eine Frau mit Kopftuch etwas Vertrautes, jemand dem man sich nicht erklären muss, ein Mensch der mich versteht. Beispielsweise bei angstbesetzten Situationen wie im Krankenhaus. Man fühlt sich bei Leuten mit gleicher Religionszugehörigkeit doch irgendwie sicherer.

Ich bin zum Beispiel Dolmetscherin bei „Frauen helfen Frauen“ und übersetze für Araberinnen in Krisensituationen. Durch mein Kopftuch gebe ich ihnen automatisch eine gewissen Form von Sicherheit und Vertrauen.

Das kann ich gut verstehen, in der Seelsorge ist ein Pastor im Talar auch tröstlicher oder vertrauenserweckender als im Jogging-Anzug.

Oder nimm die Signalwirkung eines Kopftuches bspw. im Restaurant. Ein aufmerksamer Kellner wies mich mal auf Speisen hin, die haram sind, weil sie mit Alkohol zubereitet wurden. Hätte er nicht getan, wenn er mich nicht als Muslima erkannt hätte.

Siehst du ein Kopftuch also nicht als Integrationshemmnis an?

Nein. Absolut nicht. Entscheidend für eine gelungene Integration sind gute Sprachkenntnisse. Auch die norddeutsche Gesellschaft kann gut mit Kopftuchträgerinnen umgehen, aber nicht gut mit Menschen, mit denen man sich nicht verständigen kann. Weder bei der Wohnungs-, noch bei der Arbeitssuche.

Ferner muss ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten den deutschen Gepflogenheiten anpassen. Wir leben in einem nichtislamischen Land, das Beachten von Sitten und Höflichkeit (z.B. Handschlag) schadet weder mir noch meinem Islam. Natürlich gibt es Schamgrenzen in der Öffentlichkeit, das hat aber auch mit gegenseitigem Respekt voreinander und gutem Leumund zu tun. Beide Seiten müssen aufeinander zugehen. Integration ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.

Ich finde es wichtig, dass man den Menschen ansieht. Nicht sein Klischee. Nicht „den“ Christen, Moslem oder Juden, nicht „den“ Deutschen oder Araber, sondern den konkreten Menschen, der mir gegenübersteht.

Was magst du an Deutschland besonders?

Das Sozialwesen. Altersversorgung und Krankenversicherung. Deutsche sind sehr organisiert, sie sind ehrlich und direkt, verlässlich.

Was könnte in Deutschland besser sein?

Etwas mehr höfliche Distanz, nicht zu direkte private Fragen, wenn man sich gerade erst kennenlernt. Den Kindern und Jugendlichen nicht nur ihre Rechte sondern auch ihre Pflichten vermitteln, Konsequenzen deutlicher aufzeigen.

Ich wünsche mir auch, dass die Deutschen die Würde der Frauen nicht als Gegensatz zum Islam verstehen. Das was weder ihr noch wir mögen, ist Respektlosigkeit, die aus patriacharlisch geprägten Kulturen stammt und die fälschlicherweise als religiöses Gebot dargestellt wird.

Was ist das beste, was Migrantinnen für sich tun können?

Bildung! Sprache des Gastlandes schnell und gut lernen. Lesen lernen, wenn man es noch nicht kann. Allein um selber kontrollieren zu können, ob das was mir andere als Vorschrift vermitteln wollen, wirklich so im Qouran steht. Wer nicht lesen kann, bleibt im Dunkeln und abhängig von anderen, muss Leuten auf Gedeih und Verderb vertrauen. Das ist gefährlich.

Apropos gefährlich. Was können wir gemeinsam gegen politische und / oder religiöse Radikalisierung unternehmen?

Das gute deutsche Schulsystem nutzen und als Bildungschance verstehen. Kritikfähigkeit lernen, nicht aufhetzen lassen, den Medien nicht alles in blindem Vertrauen glauben. Den Menschen sehen! Der Charakter macht einen Menschen aus, nicht seine Religion oder sein Äußeres. Und lasst uns vor allem voneinander lernen! Jeder bringt etwas wertvolles mit.

Was kann der Islam deiner Meinung nach Deutschland schenken?

Ich denke, den Zusammenhalt in der Familie. Ihr seid eine sehr freie Gesellschaft. Aber vergesst nicht eure Eltern, wenn sie alt sind. Kümmert euch um eure Kinder, wenn sie euch brauchen. Haltet als Familie zusammen. Niemand steht euch näher, als eure Eltern, Kinder und Geschwister.

Sid Fatin, vielen Dank für deine Gedanken und dieses Gespräch!

Das Interview führte Udo Reichle-Röber
Redaktion Reinfelder-Bote-Online

Reinfelder Bote – das Original

Abenteuer Journalismus

Die heute vierundsechzigjährige Rita Bolzmann, vormals Rita Peters-Schäber ist die Herausgeberin des originalen Reinfelder Boten gewesen, der von 1996 bis 2014 in Reinfeld und Nordstormarn in einer Auflage von zuletzt 8.000 Exemplaren erschienen ist.

Vor über 40 Jahren kam die Bürokauffrau eher zufällig zum Journalismus. Beim Erstellen einer Festzeitschrift für die Oldesloer Bügerschützengilde wurde ihr Talent entdeckt und sie arbeitete fortan bei „Reinfeld Aktuell“ mit, das ebenfalls eine lokale Zeitung im DIN A4 Hochkantformat war.

Vier Generationen Reinfelder Bote – von 1995 bis 2014

1995 gründete Rita Bolzmann sechs Wochen nach der Geburt ihrer Tochter den Reinfelder Boten als Informationsblatt für Bürger, Vereine, Kommunen und Gewerbe in Reinfeld und Nordstormarn. Anfangs waren die Fotos recht groß, weil sich der Bote redaktionell erst etablieren musste. Später als Rita mehr Berichte bekam, als in das Heft passten, mussten die Fotos sehr klein ausfallen, um alles unterbringen zu können

Der Reinfelder Bote finanzierte sich in Redaktion, Druck und Vertrieb ausschließlich durch die Werbeanzeigen der Reinfelder und Nordstormarner Geschäftsleute. So konnte er kostenlos an alle Haushalte verteilt werden.

Evolution des „Gelben Blattes“

„Nicht ohne meine Tochter“ war Rita in der ersten Zeit unterwegs um Reportagen zu verfassen und Anzeigekunden zu werben. Auf dem einem Arm das Kind, auf dem anderen den Boten. Es gab Geschäftsleute, die nicht mit ihr reden wollten, wenn sie ihre Tochter nicht dabei hatte.

Kind und Beruf ließen sich, so Rita Bolzmann, gut miteinander in Einklang bringen, zumal die Selbständigkeit auch den nötigen Freiraum für die Familie mit sich brachte. Wenn ihre Tochter schlief, konnte sie in Ruhe das Layout und die Texte setzen. Damals noch mit einem Fotosatzautomaten – schneiden, kleben, belichten – ohne jegliche spätere Korrekturmöglichkeit.

Rita Bolzmann – die Gründerin des „echten“ Reinfelder Boten

Aber frei nach der Devise „Unternehmer sein, heißt etwas unternehmen – auch als Selbständige selbst und ständig“ hat Rita Bolzmann den Reinfelder Boten ganz alleine auf die Beine stellen können. Darüber hinaus war  sie im Handelsverein Reinfeld (HVR) von 2003 bis 2013 die Vorsitzende des Werbeausschusses.

Der jüngste Reinfelder Bote war ein siebenjähriger Austräger, der in seinem Dorf 43 Haushalte zu versorgen hatte. Die älteste Austrägerin war noch in betagtem Alter seit über vierzig Jahren für „die Gelbe“ wie der Bote aufgrund seiner Titelfarbe auch genannt wurde, tätig und vererbte ihr Amt später innerhalb der Familie.

Reinfeld Aktuell – der Vorgänger des Reinfelder Boten

Besonders gerne schrieb Rita Bolzmann Reiseberichte und Kurzgeschichten. Auch die Vorstellung der ansässigen Firmen machten ihr immer viel Freude. Die Lieblingsbilder aus der Zeit als Herausgeberin des Reinfelder Boten sind das Bild von der Strohschute auf der Trave und das Frühlingsbild vom Herrenteich, das sogar vom Burda-Verlag gekauft wurde.

Ungern schrieb sie über Bürgermeisterwahlen und Lokalpolitik, zumal durchaus versucht wurde, Einfluss auf ihre Berichterstattung zu nehmen. Ebenfalls ärgerlich waren anonyme Briefe, in denen sie aufgefordert wurde, bestimmte Leute öffentlich anzuschwärzen.

Kurios hingegen war der Leser, der ihr regelmäßig die aktuelle Ausgabe mit deutlich hervorgehobenen Rechtschreibkorrekturen per Post zurückschickte. Oder die Frau, die ihrer Nachbarin regelmäßig den Boten aus dem Briefkasten klaute, um ihn ihrer Bekannten zu geben. Eine schöne Zeitungsente war auch der Bericht über die Heilshooper Fluchtenten – es hätte Flugenten heißen sollen…

Während der Jahre, in denen Rita den Reinfelder Boten herausbrachte, lebte sie in Hoisdorf, in Siek und in Stubbendorf. Nun lebt sie endlich in Reinfeld  aber ohne Boten.

Nachdem der Reinfelder Bote 2014 eingestellt wurde, entschied Rita Bolzmann sich für einen Neuanfang bei einem großen Supermarkt in Reinfeld. Ganz oder gar nicht lautete ihre Devise. Das galt auch für ihr journalistisches Engagement.

Wir danken Rita Bolzmann für ihr großartiges Projekt, das uns so viele Jahre begleitet hat und für die Erlaubnis das Markenzeichen nun online betreiben zu dürfen. Die Redaktion

Mediathek Reinfeld gibt auf

Das Ende eines Lebenswerkes

Seit 25 Jahren berät Sven Kließ die Reinfelder und Nordstormarner in seiner Mediathek am Rathaus über Filme und Spiele, die seinen Kunden gefallen, da er seine Kunden und deren Vorlieben genau kennt.

Nun hat auch ihm das Internet mit seinen Angeboten das Geschäft ruiniert und Sven muss die Mediathek – die mal als Videothek mit VHS-Cassetten begonnen hat – schließen.

Bis Ende September muss er seinen gesamten Lagerbestand aufgelöst haben. Deshalb verkauft Mediathekbesitzer Sven Kließ Filme auf DVD, Blu-ray und 3D Blu-ray, sowie eine große Auswahl an Spielen (Wii, Wii U, XBOX One, PS4) zu günstigen Preisen.

Info: https://www.mediathek-reinfeld.de/

Interview mit Sven Kließ von der Mediathek Reinfeld:
Sven Kließ, Jahrgang 1967, hat 1992 bei der damaligen M+H Videothek als Angestellter begonnen und 2003 die Videothek von ihrem Vorbesitzter als selbständiger Unternehmer übernommen.

Reinfelder Bote (RB): Was hat dich veranlasst, die Videothek, in der du elf Jahre gearbeitet hast, von deinem ehemaligen Chef zu übernehmen?

Sven Kließ (SK): Die Faszination des Mediums Film, der Umgang mit den Kunden und die Möglichkeiten individueller Beratung – das hat mich einfach nicht losgelassen. Das war eine Nachfolge aus Berufung.

RB: Wie ging es dann weiter?

SK: Nachdem ich mich 2003 selbständig gemacht hatte – damals noch in der Raiffeisenpassage, habe ich das Kerngeschäft von VHS-Videocassetten auf DVDs umgestellt. Die waren damals groß im Kommen, Videocassetten verloren an Bedeutung und das Internet hatte mit seinen langsamen Übertragungsraten noch nicht den Stellenwert, den es heute hat. Ich habe damals gleich 400 DVDs für meine Kunden ins Sortiment genommen, die auch sehr gut angenommen wurden.

RB: Wurde dir vorgeschrieben welche Filme du in welchen Mengen abzunehmen hattest?

SK: Nein. Ich habe die Auswahl immer selber getroffen. Ich kannte ja die Vorlieben meiner Kunden.

RB: Deine Kunden sind ja im Prinzip alle Stammkunden. Aber wieviele Kunden kommen regelmäßig und nicht nur sporadisch, so wie ich…?

SK: Inszwischen sind es nur noch etwa 20 – 30 Stammkunden, die mehrmals pro Woche oder regelmäßig jede Woche kommen. Die meisten kommen nur gelegentlich in die Mediathek.

RB: Du hast den technischen Entwicklungen ja stets Rechnung getragen. Blu-Rays, 3D-Blu-Rays, Spiele und sogar Spielekonsolen konnte man bei dir zeitnah für günstiges Geld mieten. Hat dieses Angebot dein Geschäft bedeutsam vorangebracht?

SK: Nicht in dem von mir erhofften Maße. Aber es war ein gutes ergänzendes Angebot. Hauptgeschäft blieb der DVD-Verleih. DVDs werden bis heute im Verhältnis 70:30 gegenüber Blu-Rays ausgeliehen.

RB: Ursprünglich war die Videothek – später von dir in Mediathek umbenannt – in der Raiffeisenpassage. 2006 bist du mit dem Geschäft hier in die Paul-von-Schoenaich-Str. 18 in die Nähe des Rathauses gezogen. Als der Verleih noch gut lief, hattest du auch mehrere Mitarbeiter. Seit wann spürst du die Konkurrenz des Internets?

SK: Deutlich seit 2015. Im letzten Jahr wurde die Situation schon kritisch, dieses Jahr ist sie prekär. Nicht nur die offiziellen und legalen Online-Angebote übers Internet setzen mir zu, auch die vielen Raupkopien und illegalen Möglichkeiten Filme anzusehen haben meine Existenz zerstört.

RB: Wie geht es jetzt für dich weiter?

SK: Das weiß ich noch nicht, die Zukunft ist ungewiss. Es ist ein verdammt schwerer Abschied. Von meinem Lebenswerk. Von meinem Geschäft. Von meinen Kunden. Ich habe den Filmverleih immer von Herzen betrieben, das ist kein Job zum reichwerden. Ich werde die Mediathek sehr vermissen.

RB: Wir auch. Wir werden dich, deine Freundlichkeit, dein Fachwissen und die Mediathek Reinfeld schmerzlich vermissen. Kein Algorithmus wird dich und deine Empfehlungen ersetzen können. Apropos Empfehlungen: Welches sind eigentlich deine drei Lieblingsfilme?

SK: Mein Lieblingsfilm ist „Es war einmal in Amerika“, gefolgt von „Braveheart“ und dem ersten Teil von „Jurassic Park“. Von den aktuellen Filmen gefällt mir „Plötzlich Papa“ sehr gut.

RB: Und welche drei Filme waren die Blockbuster des Video-/DVD-Verleihs?

SK: Ganz klar „Game of Thrones“, so gut wie immer ausgeliehen und auch als erstes verkauft. Dann „Titanic“. Den Film hatten wir elfmal im Sortiment und er war immer innerhalb von einer knappen Stunde komplett verliehen. Aus den Anfängen war „Rambo“ der Verleihschlager.

RB: Sven wir danken dir für dieses Interview und wünschen dir alles Gute!

SK: Gern geschehen. Ich möchte mich bei all meinen Stammkunden herzlich für ihre Treue bedanken! Es war eine sehr schöne Zeit mit euch und der Mediathek Reinfeld!

Das Interview führte Udo Reichle-Röber